Gerade habe ich einen Jugendroman angefangen zu lesen. Der Autor Derek Meister wurde 1973 in Hannover geboren. Die Geschichte spielt in der Gegenwart. Ian und Bpm, zwei 17jährige Jungen, besuchen ihre Bücherei in Southend-on-Sea, Essex, England:
Die neue Bücherei von Southend befand sich in einer stillgelegten Brauerei. Nachdem die alte Bibliothek abgebrannt war, hatte man die geretteten Bücher in dem einstöckigen Fabrikgebäude untergebracht, das seit den 50er-Jahren nicht mehr genutzt wurde. Inzwischen waren aus dem vorübergehenden Umzug sechs Jahre geworden und die Bücher lagerten immer noch in den Tonnengewölben und langen Backsteinkellern, in denen sich einst Biertanks und Fässer befunden hatten. Überall in dem mit schiefen Karteikästchen und klapprigen Kartenständern vollgestopften Gemäuer roch es nach Papier, Stoffeinbänden und Kleber.
Obwohl sich die Mitarbeiter alle Mühe gegeben hatten, die Bibliothek übersichtlich zu gestalten, fühlte sich Ian in den verwinkelten Kellern immer an die Katakomben von Paris erinnert, die er vor zwei Jahren mit seiner Mutter und Peter besichtigt hatte.
„Wir haben alle britischen Zeitungen, jede Ausgabe seit 1976. Ihr könnt sie euch dahinten ansehen“, erklärte ihnen eine süße Brünette, die kaum älter als die beiden Jungen war. Sie saß hinter einem Infotisch, auf dem zerschnittene Zeitungen und riesige Stapel von Büchern lagen. Auf einem Buch klebte eine Gurkenscheibe, die aus ihrem Thunfischbaguette gefallen sein musste, das eindeutig zu groß für ihre zierlichen Hände war. Die junge Frau zeigte mit ihrem Snack in Richtung einiger monitorartiger Maschinen, die auf Tischchen aufgereiht standen. Bei dem Anblick der grauen Kästen musste Ian an alte Filme denken, in denen Frauen mit gewagten Hochsteckfrisuren vor Monstren von Computern saßen, die eher Kühlschränken ähnelten.
„Und schräg gegenüber findet ihr die Mikrofiches.“
„Mikrofische?“ Bpm lächelte die Frau charmant an. „Wir wollten zwar ‘n paar Infos angeln, aber…“
„Mikrofiche“, korrigierte sie ihn streng und überging Bpms Geflirte geflissentlich. „Wir haben die Zeitungsausgaben auf Film.“
„Cool, verfilmt! Leisten Sie uns Gesellschaft? Gibt’s hier auch Popcorn?“
Ian stieß seinen Freund in die Seite.
“Ist dein Freund immer so lustig?“ Die Frau legte ihr Baguette säuberlich auf einem Zeller ab. „Kommt mit, ich zeige euch die Geräte, aber wenn er weiter so dumme Sprüche reißt, hetz ich den Hund auf ihn.“ Sie schaute Bpm böse an und zeigte mit dem Finger auf den Boden.
Eine Sekunde lang sah Bpm verwirrt aus, dann grinste er. Hinter ihren Stiefeln lugte ein Spitz hervor, dessen dünne Beinchen vor Angst zitterten.
“Den Hund … Der war gut. Du meinst wohl die steuerpflichtige Ratte da unten?“
„Noch ein Spruch …“ Drohend hob die Frau den Zeigefinger. Kaum hatten sich Bpm und Ian entfernt, kläffte der Spitz wütend hinter ihnen her.
Die Bibliothekarin führte sie zu einem Lesegerät. Lediglich ein paar Drehstühle und Tische waren in das Gewölbe geschoben worden. Die junge Frau öffnete eine Filmdose und legte den Film mit den Zeitungsausgaben von 1994 ein. „Um den Film vor- und zurückzuspulen, müsst ihr an der Kurbel hier rechts drehen. Falls ihr noch Fragen habt …“
(…)
“Prähistorisch“, lästerte Bpm über die Mikrofilme. „Warum haben die das Zeug nicht digitalisiert? Dann hätten wir es bequem zu Hause googeln können.“
Und hier gleich ein Schmankerl für die Star Trek-Fans hinterher:
Bpm kurbelt den Zeitungsfilm voran und schießt übers Ziel hinaus:
„He, ich hab mich nur um sieben Monate und drei Tage verflogen! Captain Janeway hat’s um 75000 Lichtjahre verbockt.“
aus: Derek Meister: Ghost hunter – Das Licht, das tötet. – Bindlach : Loewe, 2009. – ISBN 978-3-7855-6262-8 (S.73 ff)
Mikrofiche und Mikrofilm gehen ein wenig durcheinander, aber immerhin so viel Technik hat Einzug gehalten in der beschriebenen Bücherei. Die Wirklichkeit ist aber doch etwas moderner, zumindest auf dieser Website der Libraries in Southend-on-Sea. Das beruhigt mich.
Thunfischbaguettes am Auskunftsplatz essen, kommt bei mir garantiert nicht vor, also auch keine Gurkenscheiben in neuen (oder alten Büchern), die ich dort versehentlich deponiert habe.
Eigentlich wollte ich keine Trilogien mehr lesen, bevor sie nicht komplett erschienen sind. Sind sie gut, ist das lange Warten scheußlich. Hier habe ich zu spät bemerkt, dass ich einen ersten Teil in der Hand habe, der sich bisher sehr flüssig und spannend liest, so dass ich mir wahrscheinlich wünschen werde, Herr Meister möge sehr umsichtig leben, damit ihm nichts zustößt und er ganz schnell die Fortsetzungen schreiben kann!

